Wissenschaftliche Studien

FAMILIENDRAMA  JUGENDSUIZIDE  ARMEEWAFFEN  SELBSTMORD  KRIMINALITÄT  SCHWARZMARKT  UNFALLGEFAHR 

Die wissenschaftliche Zunft hat auch diverse Studien und Statistiken zum Thema Waffen hervorgebracht. Hier finden Sie einen kurzen Überblick mit Aussage und Diskussion - denn auch Wissenschaftler sind nur Menschen, welche Ideen vertreten und Irren können. Eine eigenständige Denkweise und sorgfältiges Abwägen ist auch hier angesagt, und Quellenstudium resp. -prüfung ratsam. Auswahlbasis bilden Bekanntheit und Wissenschaftlichkeit, ökonomische Sichtweise und rationales Denken ist übervertreten.

Ergänzend resp. vorausführend möchten wir deshalb kurz eine Quelle anführen, welche eigentlich für sich spricht: Die Fedpol Kriminalitätsstatistik 04/05. Denn nur mit Statistik und Messung resp. Zählung von einer grösseren Fallzahl kann man sich über Bauchgefühle, Meinungen und (Irr-)Glauben hinwegsetzen. Sie ist auch ohne vertiefte Statistikkenntnisse les- und interpretierbar. Die Einschränkungen zu Beginn der Kriminalstatistik sind lesenswert und gelten in noch grösserem Masse für die wissenschaftlichen Studien, welche länder- resp. zeitübergreifend vergleichen.
 


Familiendramen in der Schweiz, Kilias

Kernaussagen: Bei Tötungsdelikten mit anschliessendem Selbstmord werden in Schweiz viele Schusswaffen verwendet. Nach Autorenmeinung hilft dagegen eine Waffengesetzänderung. Tagi-Meldung zur Studie.
Kommentar: Die Studie hat einen massiven Schönheitsfehler, der in den Zitaten versteckt ist. Als Beleg, dass freier Waffenbesitz "verantwortlich" sei für die grosse Zahl solcher Homizid-Suizid-Fälle stützt sich auf die persönliche Meinung der Autoren (anders gesagt, ihre Studie gibt keinen auch annähernd wissenschaftlichen Beleg dafür her) und auf drei Fussnoten, namentlich die Nummern 11, 12 und 14.
Die Fussnote 11 bezieht sich auf eine Untersuchung, die Selbsttötende Senioren verglich mit Senioren, die zusätzlich auch ihre Partnerin umbrachten. Die Studie fand Zusammenhänge mit Depressionen und Gebrechen - aber fand Waffenbesitz nicht mal erwähnenswert genug um selbigen in die Zusammenfassung aufzunehmen. Offenbar ist dieser Beweis eher gesucht als gefunden in der besagten Fussnote 11. Zu Fussnote 12: Auch dort ist eine blosse beschreibende Literaturstudie vermerkt, die eine Häufung von Schusswaffen bei dieser Deliktart feststellt. Dito für Fussnote 14, auch dort war die Fragestellung eine andere als die nahegelegte Folgerung - auch hier wurde bloss gezählt und von Häufigkeiten berichtet. Von Kausalität ist nirgends eine Rede, ebenso fehlt jegliche Prognose, dass weniger Waffenbesitz diese Deliktart senke. Kurzum, die Idee, dass Waffenverbote weniger Tote ergebe kann durch die zitierten Studien nicht nahegelegt werden.
Wir müssen festhalten, dass die Schweizer Studie nur rein Deskriptiv ist (d.h. es werden nur "erfolgreiche" Fälle auf eine recht wacklige Art zusammengezählt). Mit solcher Autorenlogik könnte ebenso gut die Schweizerische Kriminalstatistik ztitiert werden (welche mehr Messermorde aufweist als Schusswaffentote) und damit "belegt werden", dass ein Messerverbot noch mehr Leben retten würde als das geforderte Schusswaffenverbot und daher viel wichtiger sei.
Die umschiffte Frage lautet nach der Motivation, welche im Todes- und Tötungswillen liegt. Ein Motivierter Mörder (nicht nur Männer gemeint, wie wir aus der Studie wissen) wird ein passendes und verfügbares Tatmittel wählen - mit einem Verbot wird ein Täter einfach ausweichen auf ein anderes Mittel, Messer, Strick oder Gift als Beispiel, aber weder die Zahl der Toten noch die Qualität des Verbrechens ändert sich. Diese Verbrechen sind gemäss den zitierten Studien und den verfügbaren Daten nicht über Nacht entstanden (Täter-Opfer-Beziehungen als weiteres Indiz), also wird ein Überspringen von "Hürden" (Verbote, Tatmitteleinengung) durch lange Zeit und grosse Tätermotivation stattfinden.


Jugendsuizide und Schusswaffenbenutzung, EAAD

Kernaussagen: Die Schweiz hat bei Jugendlichen (15-24 Jahre alt) Suizidenten einen sehr hohen Schusswaffenanteil.
Kommentar: Gewiss beeinflussen die Verfügbarkeit von Tatmitteln die Art der Tatausübung - nicht umsonst gibt es z.B. auf Island keine Selbstmörder welche sich vor den Zug werfen. Es gibt dort nämlich keine Schienenverkehr. Trotz dieser bahnbrechenden, statistisch nachgewiesenen Erkenntnis kam noch keine Forderung, zur Rettung der depressiven Jugend die SBB abzuschaffen. Ganz anders ist dies bei den (Armee-)Waffen, welche angeblich unsere Jugend zum Selbstmord verleiten: Mit Zahlen aus den Jahren, wo die Taschenmunition noch nicht kaserniert war, und mit einer Altersgruppe, in welcher nicht mal die Hälfte überhaupt eine Armeewaffe besitzt, soll uns weisgemacht werden, dass Armeewaffen zum Suizid verleiten.
Die Weltwoche (Schiessen und Rechnen, Urs Paul Engeler, Ausgabe 32/08) hat nachgerechnet und kam zu folgenden Zahlen: Sowohl in Finnland (26% der zahlreichen Suizide durch Waffen) wie in der Schweiz (43% der Suizide durch Waffen) sind es 7.9 Suizide mit Waffen pro 100'000 Bewohner. Ein Gleichstand, welcher nicht publizistisch ausgeschlachtet wurde - wohl weil er der Armeeentwaffnung nicht dienlich ist?
Die Verfasser der Studie selbst (European Alliance against Depression) wissen sehr wohl um die Ursachen für die hohe Rate der Jugendsuizide (14% aller Suizide, nur nebenbei bemerkt): In 90% der Fälle ist es ihrer Angabe nach eine psychische Störung, meist eine Depression, welche zu wenig gut behandelt wird. Für die Waffenhasser ist's hingegen nur ein plötzlicher Impuls, der zum Sturmgewehr greifen lässt, etwas ach gar leicht mittels Verbot zu Verhinderndes... Um wieviel mühsamer wäre es, anzuerkennen, dass der Entschluss zum Selbstmord in depressiver Krankheit langsam heranreift und dann einfach mit den gerade verfügbaren Mitteln umgesetzt wird, sei's Sturmgewehr, sei's Strick, sei's Eisenbahn oder Schlaftabletten.
Ein Phänomen wurde im ganzen Medientrubel aber nicht angesprochen: Mit genügend Berichterstattung können Suizidmethoden geradezu propagiert werden, was Nachahmungen anregt und in der Medienforschung als Werther-Effekt bekannt ist. Eine mögliche Folge der reichhaltigen Berichterstattung in den schweizerischen Medien könnte nun paradoxerweise ein weiterer Anstieg der Schusswaffensuizide sein.
Ach ja noch ein paar Namen und Organisationen: Bei der Anti-Waffen-Initiative ist IPSILON und damit indirekt das damit Berner Bündnisses gegen Depressionen (BBgD) beteiligt; bei Letzterem als Beirat fungiert der Co-Studienautor Thomas Reisch - ebenso wie Thomas Kurt bei IPSILON stark engagiert ist, wobei man ihn auch direkt auf dem Initiativen-Faltblatt findet. Beide lieferten ein Duett zum Thema Brückensuizide im Jahr 2007. Ein Schelm, wer hierbei an Schützenhilfe kreuz und quer denkt.


Armeewaffen und Suizid (Vorstudie) Kilias, Uni Lausanne


Kernaussagen: Armeewaffen = 300 Tote pro Jahr in der Schweiz. Davon sind 260 Suidzide. Die Abgabe von Armeewaffen ist zu gefährlich.
Kommentar: Die Studie ist noch nicht fertig, aber rechtzeitig zur Nationalsratsdebatte wurde deren Ergebnisse veröffentlicht. Es finden sich die üblichen Kilias'schen Sünden: Willkürliche Stichprobenauswahl sowohl zeitlich wie örtlich und nicht-Unterscheidung von Korrelation und Kausalität (Beispiel: Storchpopulation und Geburtenrate in industrialisierten Ländern sinken parallel, trotzdem bringt der aussterbende Storch keine Kinder). Seriöse Wissenschaftler benutzen auch gerne Kontrollvariablen und stellen Gegenhypothesen auf. Zuverlässigkeitsgrenzen (zur Identifikation von statistischen Zufällen) etc. sind leider auch keine zu finden.

Die 300 Toten durch Armeewaffen sind übrigens aufgeteilt in 260 Selbstmörder und 40 "echte" Schusswaffenopfer - leider fiel diese Feinheit in den meisten Schlagzeilen unter den Tisch. Diese Rohzahlen sehen beeindruckend aus, allerdings können sich die wenigsten Menschen diese auch Einordnen. Wir geben Ihnen gerne einige Anhaltspunkte:
- In der Schweiz starben im Jahr 2005 1657 Menschen durch Suizid (2004: 1485, 2000: 1378), andere Tatmittel sind häufiger als Schusswaffen (vgl. Suizid und Suizidprävention in der Schweiz - Bericht in Erfüllung des Postulates Widmer (02.3251)). Dort werden einige griffige Massnahmen vorgeschlagen, um die Suizidrate zu senken. Waffenverbote sind aber nur am Rande angedacht.
- Todesursachen aus dem Jahr 2000, gleiche Quelle: Suizid (1378), AIDS (127), Drogenkonsum (222), Verkehrsunfall (578), Alkohol (2200), Tabak (8800).
- Männer bringen sich häufiger um, in Jungen Jahren und GANZ BESONDERS im hohen Alter. 40% der männlichen Schweizer sind sowieso dienstuntauglich. Die Taschenmunition kasernieren ist für die Seniorengruppe sinnlos, ebenso für fast alle Frauen. Trotzdem wurde diese Forderung öfters erhoben und nun umgesetzt. Der fehlende Effekt wird wohl bald bemängelt werden, begleitet von neuen Verbotsforderungen, damit es endlich besser werde.
- Vorsätzliche Tötungen gab es 2005 total 204, davon 75 vollendet. Häufige Tatwege und -mittel waren hierbei Erwürgen (15), Schusswaffen (48) und Hieb/Stichwaffen (57). (vgl. Fedpol Kriminalitätsstatistik 04/05). Messer sind tödlicher als Schusswaffen.
- Schwere Körperletzung umfasste 2005 8099 Fälle (gleiche Quelle), davon 36 mit Schusswaffen und 447 mit Hieb/Stichwaffen. Die Legende, dass Messer mehr "Überwindung" brauchen als Schusswaffen, kann also getrost begraben werden.
- Bei den Tätern und Opfern sind Ausländer mit gegen 50% übervertreten. Diese haben aber keine Dienstwaffen daheim und unterliegen auch bereits im jetzigen Waffengesetz starken Restriktionen. Schärfere Gesetz wären folglich zahnlos. Vgl dazu insbesondere Opferstatistik mit Fokus häusliche Gewalt.
- Mörder sind meist vorbestraft und/oder polizeilich bekannt (obige Quelle)

Noch ad personam Kilias aus der Uni geplaudert: IQ Unijournal zu Experten
Ein fachkundiger Kollege mit kritischem Blick auf Prof. Kilias` Arbeit (englisch): Soz. Studien und ihre Probleme
Auch unabhängige Politiker haben sich bereits mit den Halbwahrheiten des Professors auseinandergesetzt: http://www.thorstenheitzmann.ch/?Politische_Ansichten



SELBSTMORD, Kilias, Uni Zürich


Kernaussagen: Die leichte Verfügbarkeit von Waffen erhöht die Wahrscheinlichkeit für Suizide mit Waffen. Andere Selbstmordmethoden benötigen längere Zeiträume und geben Zeit zum Nachdenken, was eine Meinungsänderung nach sich ziehen kann.
Kommentar: Kaum eine andere Studie hat in letzter Zeit so viel (Schweizer) Staub aufgewirbelt wie diese Studie. Bei sorgfältiger Lektüre ohne mediale Verzerrung sind die Befunde wenig überraschend oder schockierend: Das Vorhandensein von Mitteln beeinflusst deren Einsatz. Der Motivationsgrad der Selbstmörder wird allerdings ausser Acht gelassen - bei fest entschlossenen Personen ist eine wirksamere Tatmittelwahl zu erwarten als bei blossen Hilfeschrei-Suiziden. Entsprechend ist es unwahrscheinlich, dass eine kleine Hürde wie das Fehlen von Tatmittel X oder eine kurze zeitliche Verzögerung einen entschlossen Menschen aufhält. Unentschlossene hingegen werden Schusswaffen meiden, weil Sie schnell und effizient tödlich sind. Das Geschlecht beeinflusst die Wahl der Tatmittel ebenso wie die Entschlossenheit zum Suizid: "Hilfeschrei"-Suizidversuche verlaufen aus irgendeinem Grund meist mit "schwachen" Mitteln und geringer Erfolgsrate.
Diese Studie trat in den Hintergrund, als der erhoffte Effekt im Rahmen der Nationalratsdebatte nicht eintrat: Die Armeewaffen und Munition blieben beim Soldaten. Hurtig wurde danach Recycling betrieben und der Studienmüll mit neuem Titel aufgewärmt zur nächsten Debatte der (TA Media-)Presse präsentiert, diesmal mit Stossrichtung gegen Taschenmunition (siehe oben).


KRIMINALITÄT, Freakonomics, S.D. Levitt & S.J. Dubner


Kernaussagen: Dieses Buch fasst verschiedene ökonomische Theorien und Untersuchungen zusammen. Zum Thema Kriminalität und Waffen sind im vierten Kapitel einige Absätze zu finden: Waffenkontrolle durch Gesetze ist ineffektiv, solange ein funktionierender Schwarzmarkt besteht. Kriminelle versorgen sich zu grossen Teilen nicht aus legalen Quellen. Eine „moderately“ (d.h. moderat) wirksame Massnahme ist eine starke Erhöhung der Gefängnisstrafen für illegales Waffentragen. Waffenrückkäufe sind mengen- und ertragsmässig durchgehend Misserfolge. Auf der anderen Seite haben Waffentragerlaubnisse für unbescholtene Bürger weder positive noch negative Auswirkung.
Kommentar: Aus wirtschaftlicher Optik machen die Aussagen Sinn. Liberale, Wahlfreiheits-Befürworter sowie. Anhänger von Friedmann et al. werden sich bemüssigt fühlen anzufügen, dass den Individuen grösstmögliche Freiheit in ihrem Handeln zugestehen zu sei, d.h. dass nichtschädliche Handlungen wie freies Waffentragen für Gesetzestreue zu erlauben sind - letztlich benutzen hier Individuen ihre eigenen knappen Güter (Zeit, Geld) nach freiem Ermessen um ihr persönliches Wohlbefinden zu maximieren.

SCHWARZMARKT, Levitt, Uni Chicago


Kernaussage: Illegale Märkte weisen spezifische Eigenschaften auf, welche sich durch die Verbote ergeben. Wegen der erschwerten Durchsetzung von Verträgen muss auf Gewalt zurückgegriffen werden. Preise sind wegen der sog. "Risikoprämie" für Verbrecher höher, die Qualität meist schlechter; typisches Beispiel ist hier der Drogenmarkt, wo gesundheitsschädigend gestreckter Stoff den (Gassen-)Süchtigen stark zusetzt. Märkte können mit Verboten nicht verhindert werden.
Kommentar: Illegale Waffenmärkte weisen dieselben Charakteristika auf: Die Preise sind höher und wegen fehlender staatlicher Kontrolle wird dann im Gegenzug an alle - gerade auch Ungeeignete - verkauft, die genügend Geld haben. Die „Opportunitätskosten“ (d.h. der Preis des Erwischtwerdens) für Kriminelle sind gering verglichen mit den Opportunitätskosten für Unbescholtene.

UNFALLGEFAHR, Levitt, Uni Chicago


Kernaussage: Wenn man einen Swimmingpool und eine Waffe besitzt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind durch den Swimmingpool umkommt, 100 mal höher, als dass es durch die Waffe stirbt.
Kommentar: Der Bachgefühlansatz zur Gefahreneinschätzung ist oftmals kein guter Leitfaden. Ein Unfall mit der Waffe gibt grössere Schlagzeilen, weshalb das Problem verzerrt resp. als grösser wahrgenommen wird. Teil der Erklärung ist auch, dass normale, vertraute Gegenstände und Gefahren hingenommen werden, währenddessen „Fremdes“ stärkere Abwehrreaktionen hervorruft. Analoges gilt auch für Verbrechen: Spektakuläres wird überreportiert, währenddessen alltäglicher Wahnsinn und „normale“ Risiken wenig Beachtung finden.

 
 
Ganz unwissenschaftlich bleibt am Ende noch das klassisches Bauchurteil "Mit einem Messer wäre das nicht passiert". Das hört man oft nach tragischen Ereignissen. Es brauche mehr Überwindung und sei weniger schlimm in den Folgen. Die Kriminalstatistik der Schweiz weist etwa gleich viele Tote durch Messer auf, wie durch Schusswaffen. Und zehnmal soviele Messerverletzte wie durch Schusswaffen Verletzte. Simple Statistik reicht also oftmals auch schon, Wissenschaft und Bauchgefühl sind nicht das Ende aller Weisheit.